Zwei einfache Aufgaben, die ich in der Vorlesung „Fachsprache Deutsch“ den Studierenden immer wieder gestellt habe, konnte so gut wie niemand zufriedenstellend beantworten. Können Sie es?
(1) Geben Sie die Bedeutung des folgenden Satzes in eigenen Worten wieder!
(2) Der Satz enthält einen Grammatikfehler – finden Sie ihn!
„Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die gleichberechtigte Partizipation aller Bürger (unabhängig von ihren Bildungsvoraussetzungen) an gesellschaftlichen Ereignissen eine Sprache und ihre breite Lehrbarkeit zur Voraussetzung haben und inwiefern dieser Grundsatz mit der Differenzierung und Parzellierung moderner Wissensgesellschaften als conditio sine qua non ihrer Entwicklung konfligiert.“
Der Satz ist wirklich nicht leicht zu verstehen. Er ist lang, unübersichtlich und verwendet ungebräuchliche Wörter. Der Satz ist so schwer zu überblicken, dass selbst der krasse Grammatikfehler nicht sofort ins Auge springt. Haben Sie ihn entdeckt? Das finite Verb des ob-Nebensatzes (haben) kongruiert im Numerus nicht mit dem Subjekt (Partizipation). Es muss hat (Singular): ob die gleichberechtigte Partizipation […] zur Voraussetzung hat.
Und was bedeutet der Satz? Versuchen wir es mit einer stark vereinfachten Holzhammer-Paraphrase:
Der Satz stellt die Frage, ob Sprache kompliziert sein muss, weil die modernen Wissensgesellschaften kompliziert sind.
Wenn man es genauer hinschaut, sieht man, dass der Satz eigentlich zwei Fragen und eine Aussage beinhaltet:
- Ist eine Sprache und ihre bereite Lehrbarkeit die Voraussetzung dafür, dass alle Bürger
unabhängig von ihren Bildungsvoraussetzungen – gleichberechtigt an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen können? - Für die Entwicklung moderner Wissenschaftsgesellschaften sind Differenzierung und Parzellierung zwingend erforderlich.
- Lassen sich diese Differenzierung und Parzellierung mit einer einfachen, leicht lehrbaren Sprache vereinen?
Unserer Meinung nach kann man beide Fragen mit „Ja“ beantworten. Ja, Voraussetzung für die Teilhabe ist, dass man die Sprache versteht – und ja, auch differenzierte Sachverhalte lassen sich in einer einfachen Sprache ausdrücken. Gerade in einer Zeit, in der Wissenschaftsfeindlichkeit an Raum gewinnt, sollte die Wissenschaft sich bemühen, ihre Erkenntnisse möglichst verständlich zu formulieren.





